Aber wir sind doch die Scouts!

von Susann Kaiser

Der Grad an Geborgenheit, den ein Zelt auslösen kann, muß ein Rudiment aus der Zeit sein, in der die Menschen noch in Höhlen lebten. Man kriecht einfach in eine Höhle, die zwei Bahnen Stoff unter sich bilden, und alles ist gut. Der Tag war wunderbar, mein Kopf glüht ein bißchen von der Sonne und dem Wind, der uns heute mit den Kanus über den Stora Le geradezu hat segeln lassen, und der kleine Scout neben mir kuschelt sich noch einmal so richtig in den Schlafsack. Die entfernten Stimmen am Lagerfeuer sind langsam verebbt, und ein leises Zischen kündete vom Löschen der Flammen; jetzt ist es ganz still im Camp, das wir auf den Felsen von Bryntorpsön zwischen Bäumen und wuchernden Blaubeersträuchern aufgeschlagen haben. Nur der Wind rauscht ein wenig durch die Blätter. Es ist ganz still. Bis auf dieses – Rascheln. Da raschelt doch was...

Es ist mitten in der Nacht, und es raschelt. Man könnte es auch als Schaben bezeichnen. Vielleicht auch als Kratzen, oder eher Graben. Es kann ja schon mal rascheln, wenn der Wind die Felsen hinauffährt. Aber „es“ gräbt nicht. „Etwas“ gräbt. Es ist mitten in der Nacht mitten im Wald auf einer kleinen Insel inmitten eines dunklen Sees mitten in Schweden, und etwas gräbt, unmittelbar vor unserem Zelt.

„Hörst du das?“

„Hm.“

Der kleine Scout heißt in diesem Jahr der kleine Scout, weil sie sich zwar hier gut auskennt und die sich am Horizont auftürmenden Waldberge an der unterschiedlichen Grünfärbung als Insel oder Festland identifizieren kann – meistens jedenfalls -, aber jetzt das erste Mal einer Gruppe von Städterinnen erklärt, wie das hier so ist in der Wildnis: Wo die schönsten Lagerplätze und Sandstrände und Pfifferlingsammelstellen sind, wie frau den Canadier bei Wind senkrecht zu den Wellen stellen muß, wie zu dritt mit Hilfe zweier Stöckchen zwanzig Liter kochendes Nudelwasser vom Feuer genommen und abgegossen werden, wie man im Regen noch trockenes Holz findet. Diesmal haben wir zu zweit demonstriert, wie nach dem Zähneputzen ökologisch auf den Boden gespautzt wird und wie es sich auf dem Kloloch einigermaßen knieschonend aushalten läßt. Ich habe das alles schon ein Dutzend Mal getan und sage deshalb jetzt auch nur „hm“. Was soll da schon graben?

Hört sich an wie ein Eichhörnchen. Aber schlafen Eichhörnchen nicht nachts? Könnte auch ein Spatz sein. Machen Spatzen so einen Krach? Das trapst auch irgendwie. Hat also große Füße. Mal lieber genauer hinhören. Und Horchen gehört ja auch zu den Aufgaben eines Scouts. 

„Jetzt hat es aufgehört. Oder?“

In einem Zelt ist es leicht, so zu tun, als sei niemand zu Hause. Einem Zelt sieht man nie an, was darin passiert, außer die nachgebenden Wände beulen sich aus, und dann versucht meist nur jemand, die Hosen im Hocken anzuziehen. Eigentlich ist es momentan auch ganz gut, daß niemand sehen kann, wie wir zwei hier schreckensstarr mit flachem Atem daliegen und so tun, als seien wir nicht da. Schließlich sind wir die Scouts. Leider sieht man auch in einem Zelt nichts, vor allem nicht, was draußen passiert. Aber zum Rausgucken muß man in einem Zelt ja immer gleich die Tür öffnen, und zwei von Reißverschlüssen zusammengehaltene Stoffbahnen sind im Moment noch besser als gar nichts.

„Können Elche eigentlich wild werden?“

„Elche!!??“

Eigentlich finde ich Elche ja nicht weiter bedrohlich. Außer sie wollen sich in einer unübersichtlichen Kurve vor mein Motorrad werfen, und hier, wo der nächste Ort meist „nur zwei, drei Meilen“ entfernt ist, sind alle Kurven unübersichtlich, weil sich die Straßen nicht endend um die Seen schlängeln müssen. Der Ort besteht dann wieder nur aus fünfeinhalb Holzhäusern in Dalarna-Rot und einer einmal wöchentlich, aber nur im Sommer angefahrenen Bushaltestelle. Eine schwedische Meile mißt im übrigen zehn Kilometer. Diese Zählweise soll vermutlich Vereinsamungsgefühlen der schwedischen Landbevölkerung entgegenwirken; bei den Touristen sorgt sie für weit vor der angeblich so nahen Tankstelle leergefahrene Tanks oder unfreiwillige Gewaltmärsche. Elchen begegnet man bei solchen Gelegenheiten übrigens nie; die „Könige des Waldes“ entziehen sich meist hartnäckig Begegnungen halbwegs romantischer Art, sondern haben sich ganz der Rolle des Unfallgegners verschrieben. Immerhin werden Elche nie wild, andererseits sind sie fast blind und groß. Sehr groß. Zu groß, um sich von besagten Stoffbahnen abhalten zu lassen. Das Graben hält inne.

„Psst, sei mal still.“

„Gibt es hier eigentlich Wölfe?“

Wölfe! Blödsinn. Letztes Jahr ist mal ein Bär aus Norwegen hierher ausgebüchst, aber Wölfe... Daß diese Schlafsäcke auch immer so rascheln müssen! Dabei bin ich dem kleinen Scout nur ein ganz kleines bißchen nähergerückt. Gemeinsam sind Scouts doch viel stärker! 

„Hör mal. Es kommt näher. Na hör doch. Es trapst immer näher an unserem Zelt. Ob die da unten auch was hören?“

Wir haben uns ja so einen schönen lauschigen Platz weit ab vom Geschehen gesucht, so, die Scouts gehen jetzt schlafen! Schön das Feuer hinterher ausmachen! Fröhlich sind wir in den Wald gestapft, alles läuft gut, das Wetter spielt mit, und das Quatschen abends im Zelt ist wie im Ferienlager.

„Ach hör auf, da ist nix. Höchstens ´n Vogel. Oder ´n Biber.“

„Aber ´n Biber? So weit weg vom Wasser?“

„Na vielleicht isses ja auch ´n Fuchs.“

„`N Fuchs? Aber wenn der ins Zelt kommt! Die ham doch alle Tollwut!“

„Quatsch.“

Pause.

 „Sind die Tonnen alle zu?“

Die Erfahrung, daß der über Nacht einsetzende Sturzregen sechs Tonnen voller Lebensmittel – die Rationen für eine ganze Woche – in ein schwimmendes Inferno verwandelt hat, macht man in seinem Scoutleben nur einmal. Damals hatte jemand sogar die Tüte mit dem Kaffee offen draußen herumliegen lassen, und obwohl an jenem Morgen beim Aufwachen in der offenen Schutzhütte sogar eine ganze Pfütze voll Kaffee schon fertig war – die Marke war gut an der obenauf schwimmenden Tüte erkennbar –, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Natürlich sind die Tonnen zu. Selbst wenn sie offen wären – für dieses Viech da draußen sind wir offenbar wesentlich interessanter.

„Was machen wa´n jetzt? Soll´n wir die anderen holen?“

„Na, du bist doch der Scout! Was macht man denn bei Wildschweinen?“

„Wildschweine?! Wir sind doch nicht bei Asterix und Obelix. Und außerdem ist das hier ´ne Insel.“

„Aber die eine hat doch vorhin gesagt, sie hätte Wildschweine gehört!“

„Mach mal Licht an.“

„Bist du verrückt! Dann sieht´s uns ja.“

Inzwischen hat sich der kleine Scout schon in meinen Schlafsack gegraben. Das darf man als kleiner Scout noch. Ich hingegen muß groß und stark sein. Normalerweise kann man solche großen Tiere mit lauten Geräuschen vertreiben. Aber was, wenn das Tier dann vor lauter Angst die anderen über den Haufen rennt, und wir sind Schuld? Es trapst immer noch. Es hat sich inzwischen einen Rhythmus angewöhnt. Es nagt. Irgendwie. Vielleicht an der Zeltleine. Aber das macht doch nicht so ein Geräusch!

Irgendwann hat uns das Geräusch dann doch in den Schlaf gewiegt, wobei der kleine Scout beruhigenderweise in meinem Schlafsack vergraben blieb. Auf Panik folgt tiefer, erschöpfter Schlaf.

„Na, gut geschlafen?“ Simone ist wie immer als erste wach und pustet in die Glut. „Habt ihr das auch gehört? Irgend so´n Tier wohl. Zuerst war ich ja ein bißchen erschrocken – das war vielleicht teilweise laut! Aber ihr habt ja gesagt, hier gibt´s überhaupt keine gefährlichen Viecher.“ Ich wedele wie wahnsinnig das Feuer mit dem Tonnendeckel an.

„Weißt du“, sagt Simone, „manchmal ist es echt gut, wenn man eine dabei hat, die so was weiß. Das beruhigt ungeheuer.“

„Hm“, sage ich und sehe den kleinen Scout an. „Wahrscheinlich nur ´n Eichhörnchen.“ Und die Scouts haben schließlich immer recht.